Interview vom 22.03.2006

Interview von Timo
Ihr zählt als bestbezahlte Liveband Deutschlands, habt von 2001 bis 2006 drei erfolgreiche Alben releast - welche Veränderungen gab es in der Zeit? Von Leuten, die als Schüler zusammen Musik machen, hin zu Musikern, die von ihrer Musik leben können...
Also seit damals hat sich natürlich viel geändert. Wir haben angefangen, Seeed nur aus Bock zu machen ohne irgendwelche kommerziellen Hintergründe und dann gab es aber das Interesse von Plattenfirmen und dann hatte niemand was dagegen, sich da mehr reinzuhängen und so hat sich das immer weiterentwickelt - was keiner vorhersehen konnte. Und für uns ist es natürlich geil, dass es für die Band seit der Entstehung 1998 immer steil aufwärts ging und das macht es natürlich auch leicht, bei der Stange zu bleiben. Ich bin mal gespannt, wie es bei uns so läuft, wenn wir das erste Mal eine Talsohle durchschreiten müssen, weil wir das noch gar nicht kennen.
Habt ihr drei Jahre lang erst einfach so Musik gemacht und dann das Album releast?
Ja, also an dem Release haben wir davor schon ein Jahr gearbeitet. Das ging schon schnell nach eineinhalb Jahren oder so kamen die ersten Plattenfirmen und dann hat man sich da reingehängt.
Jetzt habe ich mal positive und negative Kritik zu "Next!"
rausgesucht, zu der ich jeweils gerne ein Statement hätte...
Viele vermissen auf "Next!" ein bisschen den Roots-Raggae, ihr
macht wesentlich mehr Dancehallmusik.
Stimmt auf jeden Fall, das finde ich auch ein bisschen schade. Ich steh auf beides und es ist bei uns allen so, wir fanden schon immer geil, Dancehall und Roots-Raggae zu machen, weil wenn man irgendwas ausschließlich macht, ist es immer ein bisschen langweilig. Und das hat sich letztendlich so ergeben, weil die starken Roots-Songs einfach nicht dabei waren, als wir die Songs ausgewählt haben. Wir hatten mehr gute Dancehalltunes oder Clubsongs, die uns überzeugt haben, als geile Rootssongs. Das mag damit zusammenhängen - jetzt rein von den Songwriterqualitäten her - dass sich zwei von den Sängern inzwischen viel mehr auch dafür interessieren und nicht mehr so Roots verbunden sind und somit auf die Clubbeats mehr gemacht haben oder inspirierter waren. Aber das kann sich auf jeden Fall auch wieder ändern. Wir spielen live die Roots-Songs immer noch genauso gerne wie vorher und viele in der Band hätten es auch nicht schlimm gefunden, wenn noch 2-3 Rootssongs mehr drauf gewesen wären.
Für mich, der viel HipHop hört, ist es interessant festzustellen, dass sich die Sänger bzw. Rapper lyricmäßig viel weiterentwickelt haben...
Ich glaube, das ist ganz natürlich passiert über die Jahre. Am Anfang von Seeed war Pierre (Enuff) der Erste und Einzige, der mal nen deutschen Text gemacht hat und da gemerkt hat, dass es auch funktionieren kann und vielleicht sogar geiler ist, weil man sich besser ausdrücken kann. Und mit den Jahren und mehr Songs, die man schreibt, entwickelt man sich natürlich weiter - wäre ja schlimm, wenn nicht. Und bei den anderen genauso, die beide vorher eher Sänger waren, haben sich mehr in der Richtung weiterentwickelt. Sich mehr mit Dancehall beschäftigt und so. Also Demna (Ear) zum Beispiel, der vorher viel speziellere Musik gemacht hat - eher in Richtung Jazz, Prodigy und ich weiß gar nicht wie ich es nennen soll - sich eher dran gewöhnt hat, auch etwas über einen harten, pumpenden Beat zu machen, wo früher bei ihm nur Brakes zu hören waren.
Ich bemerke, wenn ich in die neue Platte reinhöre und mit Texten von z.B. "Dickes B" vergleiche, dass ihr euch vom Flow und den Reimen her weiterentwickelt habt.
Auf jeden Fall! Das ist eines unserer Probleme, dass vor allem Pierre, von dem diese Texte sind, auch oft kein Bock mehr hat die alten Songs zu spielen, weil die ihn anöden oder er meint "ja, so würde ich heute nicht mehr reimen oder den Text finde ich eigentlich schwach und das war damals bisschen hingeschoben und gedrückt". Aber es ist zum Glück schon so, dass da die Skillz mitgewachsen sind.
Außerdem finde ich, dass ihr beattechnisch wesentlich abwechslungsreicher wurdet. Ihr habt den Roots-Raggae, aber ich kenne viele Dancehallalben, bei denen ich mir nach dem dritten Lied denke: "Ist das der gleiche Riddim?" - und da seid ihr gewachsen. Jetzt habe ich gehört, dass alle 11 Mitglieder produzieren; wie wählt ihr die Beats dann aus?
Ziemlich basisdemokratisch. Das ist genau der Unterschied zu den ersten
zwei Alben, da war Pierre immer ganz klar der Boss und hat auch 80-90
Prozent der musikalischen Arbeit selbst gemacht oder auf jeden Fall stark
kontrolliert. Was auch für fast alle cool war, weil alle ihn so anerkannt
haben, als Chef, der den Masterplan hat. Aber vor diesem Album haben wir
uns einfach mal gesagt, wir sind schon so lange zusammen und alle wissen,
wofür wir stehen, was wir wollen und was der Seeed-Sound ist. Alle
haben sich überhaupt produktionstechnisch entwickelt, so das jeder
zweite zu Hause sein kleines Studio hat und auch an Beats schraubt, das
war vorher auch nicht so - das hört man dann auch an den Programmings,
dass sich da einiges getan hat. Und deshalb haben wir gesagt, jeder soll
sich einbringen können, lass mal gucken, was da kommt; wir haben
eben erst mal losgelegt: Jeder hat sich mit wem auch immer aus der Band
hingesetzt und Sachen gemacht und dann haben wir uns irgendwann getroffen
und alles zusammen angehört und dann echt basisdemokratisch abgestimmt,
welche Riddims die meisten Stimmen kriegen, wo wir dann erst mal weiterarbeiten.
Man muss dann naürlich immer flexibel sein, aus dem einen wird trotzdem
nichts oder aus nem anderen, der vorher sehr schwach schien, wird dann
ein starker Song. So haben wir gearbeitet. Dann haben wir die Horns dazu
geholt und die Sänger haben was drauf gemacht und es ist dann was
gewachsen und deshalb finde ich auch, dass es ein vielseitiges Album ist.
Wahrscheinlich ist die Kritik eher, dass es nicht mehr so aus einem Guss
erscheint, wie das letzte und das liegt natürlich auch dann an den
Mehr-Einflüssen, wie wir haben - aber das finden wir natürlich
spannend, wir wollen uns ja auch weiterentwickeln.
Seeed als Band kommen ja als abolute Partymacher rüber. Besonders wenn man euch live anguckt. Wollt ihr auch mal deepe Themen ansprechen...?
Wir sind Menschen - wie die meisten anderen vermutlich auch - die gerne Feiern und gerne Partys machen und als Männer viel über Frauen nachdenken, aber natürlich auch ein anderes Leben haben. Also nur, weil wir keine politischen Texte machen, heißt das nicht, dass wir unpolitische Menschen sind. Es ist nur so, dass Seeed eher ne Partyband ist und das wir gerade live da auch auf Entertainment setzen und ich denke, da setzen die Leute auch drauf. Die wissen, dass das bei Seeed nicht nur Zuhören ist, sondern dass es abgeht und die Musik zum Tanzen ist. Also soll man auch bitte tanzen und nicht in der Ecke stehen und über den Text nachdenken; aber es gibt ja auch Songs, die nicht nur ums Partymachen gehen.
Ich hab euch 2005 auf dem Splash gesehen. Ist dieses "HipHop"-Publikum ein anderes Publikum?
Die meisten HipHopper haben heutzutage auch eine Affinität zu Dancehall. Darüber ist das, glaube ich, erst so groß geworden, also "Dancehall" als Musikrichtung, weil sich die ganzen HipHopper irgendwann dafür interressiert haben. Und eigentlich ist es live fast immer geil, egal ob wir auf einem Rock-, Raggae- oder HipHop-Festival spielen, weil es Musik zum Tanzen ist und das spricht alle an. Jemand, der ein Rockfan ist, sich aber den ganzen Tag verzerrte Gitarren angehört hat, ist dann auch mal froh einen anderen Groove zu kriegen. Die einzig krasse HipHop-Festival Erfahrung war eher auf den HipHopOpen in Stuttgart. Da haben wir zwei Mal gespielt und da war es wirklich so, dass man das Gefühl hatte, wenn die Leute nicht so machen können [hebt den Arm in die Luft und bewegt ihn im Takt], dann wissen sie nicht, was sie mit der Musik anfangen können. Da haben wir irgendwie ein bisschen gelitten.
Ich weiß nicht, ob ihr das mitbekommen habt. Samy Deluxe hat auf der MZEE-Bühne gesagt: "Sieh wie beschissen es HipHop geht, die Hauptacts dieses Jahr sind Seeed und Söhne Mannheims!". Aber ich muss dazu sagen, er hat dann gesagt: "Nichts gegen sie, aber was hat das mit Rap zu tun?"
Also ich habe schon mal mit ihm bei einer Echo-Verleihung gesprochen und da hat er mir das auch erzählt. Das hat ihn auch genervt. Er meinte: "Ey, es ist alles cool, ich steh auch auf Seeed, aber das ist kein HipHop" und deswegen versteht er nicht, warum wir einen HipHop-Preis kriegen. Und da konnt ich ihm auch nur sagen: Ehrlich gesagt, ist es doch eh affig, sich daran aufzuhängen, wer welchen Preis gewinnt. So ein Preis ist doch eh ein Witz. Und auf dem Festival: Ich bin totaler HipHop-Fan, schon seit Jahren und stehe tierisch auf die Musik, aber zu nem HipHop-Konzert gehe ich auch fast nie, weil ich finde, dass das live einfach nicht kickt, wenn da nen DJ und nen Rapper steht. Also wenn sie wirklich gut sind, dann kickt 's ne dreiviertel Stunde - das fand ich z.B. bei Redman so - aber dann reichts auch. Aber meistens wird es irgendwann langweilig, du verstehst meistens live die Texte nicht so gut, weil es mit dem Sound schwieriger ist oder weil manche vielleicht live nicht so gut rappen können. Beatmäßig passiert nicht viel... Das ist einfach Clubmusik! Das ist auch keine Musik, die für Festivals gemacht wurde und deswegen verstehe ich, warum die Leute beim Splash dann vielleicht lieber Seeed als Headliner sehen wollen, als dann das fünfte Package von DJ und MC.
Das ist interessant zu hören...
Wieso? Siehst du es nicht so?
Also ich bin monatlich auf mehreren Jams und Konzerten und da ist Seeed natürlich mal ne Abwechslung. Und ich hab auch gesagt, ich will da Party machen und tanzen. Aber jetzt kommt z.B. Curse und da weiß ich ganz genau, der könnte zwei Stunden spielen und ich würde mich nicht langweilen. Aber da kann ich dann auch die Texte... Aber sicher gibt es bei vielen Konzerten mal Stellen, bei denen ich auch nicht "geflashed" bin. Und dann wartet man eben bis zum Ende, wo die Hits wieder kommen.
Das ist natürlich auch immer so, wenn man die Songs alle kennt und jemand wirklich abfeiert, dann kann es klar cool sein. Aber ich fand z. B. früher, "Boo Yaa Tribe" habe ich live gesehen, das war einfach fett, weil wenn da 10 Typen sind und Alarm machen und auch noch ne kleine Liveband dabei haben, dann drückts einfach mehr.
Hmm... wart ihr die ganze Zeit auf dem Splash dabei?
Ne, also dieses Jahr war es total krass. Da sind wir nachts noch an den Flughafen und dann nach Portugal zu irgendeinem Festival.
Da gab es mit Kool Savas ein gutes Beispiel, wie gut ein MC und ein DJ rocken können...
Ja, genau! Savas ist so ein Typ, da verstehst du jedes Wort und er hat
so eine Präsenz, dass ich das auch geil finde, so wie früher
EinsZwo! Das war auch immer Hammer! Aber das ist schon sehr rar, dass
es einen HipHop-Act gibt, wo ich live dastehe und denke: "Yes!".
Savas ist ein geiler Liverapper, er hat einfach nen Drive und es ist immer
noch klar. Und was mich schnell nervt ist, wenn die Jungs rumbrüllen.
Und dazu neigen live viele und wenn das dann so ein Gebelle wird, denke
ich mir immer nur "Neeee...."!
Was wäre denn mal so ein Wunsch-Feature für euch? Zum Beispiel aus dem HipHop-Bereich?
Für mich auf jeden Fall EL-P oder Big Jus von Company Flow. Das war es für mich damals - mal abgesehen von irgendwelchen Hits, die man kannte und vielleicht geil fand - da hab ich HipHop richtig gediggt; als die erste Platte von Company Flow rauskam, hab ich mir den ganzen Winter abends dieses Album um die Ohren gehauen und das wird für mich immer Kult sein!
Und so aktuell, z.B. von deutschen Rappern?
Savas fänd ich geil. Den haben wir schon ein paar mal getroffen und Pierre ist z.B. auch Fan von Savas und würde gerne mal was mit ihm machen, aber das hat sich bisher nie ergeben, der ist ja auch immer sehr busy. Ich glaube Savas wäre auf jeden Fall unser Favourit. Dendemann fand ich früher auch voll geil, aber ich weiß nicht, was der zur Zeit macht. Und die beiden sind so im deutschen HipHop meine Favourits!
Deutsche Soundsysteme spielen immer öfter schwulenfeindliche "Batty Man Tunes" und anderen jamaikanischen Artists. Und meiner Meinung nach ist HipHop und Raggae eigentlich sehr tolerant und da kann es sowas eigentlich nicht geben...
Natürlich sind wir nicht schwulenfeindlich und würden nie solche
Texte machen, andererseits kommen die Jamaikaner aus einer anderen kulturellen
Ecke. Und wenn man so wie ich anfängt, Dancehall zu hören ohne
wirklich was zu verstehen, weil man kein Patois versteht, feiert man eben
die Power, die die Jungs haben und die unglaubliche Energie und die geilen
Beats. Aber wenn mir dann einen Monat später jemand erklärt,
um was es in dem Song geht, denke ich mir auch: Schade! Schade, dass der
nicht auch über anderes Singen kann, aber ich verstehe, warum man
so einen Song spielt, wenn die Leute darauf steil gehen - und auch die
meisten davon wahrscheinlich nicht wissen, was da gesungen wird.
Ich finde das schade, dass die Jungs das nötig haben, die machen
das vermutlich nur, weil sie damit in Jamaika sofort ein Big Up kriegen
von den Leuten, weil es anscheinend Gang und Gäbe ist, schwulenfeindlich
zu sein. Aber die meisten Jamaikaner, die in Deutschland spielen, lassen
das hier bleiben, weil sie wissen, hier sind die Leute anders drauf, die
wollen das hier nicht hören. Da merkt man ja auch wieder, dass das
nicht ihr wichtigstes Thema ist, sondern dass das nur Stimmung machen
soll.
Aber ich will das nicht so verurteilen, weil ich nicht deren Leben gelebt
hab.
Jetzt kam dieser Raggaeton-Stil auf...
Steh ich nicht drauf! Muss nicht sein...
Ich hoffe mal, Seeed bleibt bei ihrem Stil und wird nicht so eine Richtung einschlagen?
Also Raggaeton bestimmt nicht! Da gibts bei uns keine Affinitäten!
Wir werden sehen, in welche Richtung Seeed geht. Das ist nie so, dass
wir das vorher klar machen, das ergibt sich so bei der Arbeit. Ich denke
mal, die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen und es wird irgendwie
weiter so laufen.
Hast du noch was zu sagen als letztes Wort?
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